Gerd Birsner: „Ich bin ich und fertig“

  • 22 Okt 2026
  • Regio Ortenau

Fotos: © Andreas Peter Geng

Geschätzte Lesezeit: ca. 5 bis 6 Minuten

#RegioGespräch: Der Kehler Liedermacher, frühere Ortsvorsteher und Autor über Humor, Reime und ein Gesamtwerk, das noch nicht fertig ist

Oktober 2026, Kehl, apg. „Ich bin ich und fertig.“ Mehr Selbstauskunft braucht Gerd Birsner nicht. Der 73-Jährige, geboren am 12. Juli 1953 in Sinsheim, schreibt Lieder, Kolumnen und Dorfmusicals, arbeitete über Jahrzehnte beim Rundfunk und TV und war zwanzig Jahre lang Ortsvorsteher. Vor knapp zwei Wochen kam eine Ehrung dazu, die er auf seine Art quittierte.

Am Freitag, 2. Oktober, erhielt er im Hufeisen in Germersheim den Pamina-Kulturpreis 2026 für sein Gesamtwerk, überreicht vom Verein Europalz Germersheim. Er habe bisher geglaubt, der Ruhm erreiche ihn erst „posthum“, doch die Pfälzer waren schneller, berichtete die Kehler Zeitung. Beim Zuhören der Laudatio dämmerte ihm: „Ach herrje, das bin ja ich.“ Sein Versprechen an das Publikum: Das Gesamtwerk geht weiter.

Zwölf Tage später, an einem Mittwochnachmittag, erzählt er, wie es dazu kam. Um 17 Uhr muss er los: Am Abend steht er in der „Blauen Stunde“ im Acherner Klauskirchl auf der Bühne.

Vom Dorf nach Hamburg

Aufgewachsen ist Birsner in einem kleinen Dorf am Rand Badens, der Vater war Lehrer. Lesen, erzählt er, brachte er sich mit vier selbst bei, an Autokennzeichen: MOS, BCH, ÖHR. Das „Filetieren“ von Worten wird später zu einem Markenzeichen. Später studierte er in Mannheim zunächst Politik und Mathe, wechselte nach Landau und belegte Musik und Englisch. Zur Aufnahmeprüfung für das Musikstudium trat er nach eigener Erzählung mit einem im Kindergarten geliehenen Xylofon an und improvisierte. Das Lied für die Aufnahme ins Popmusik-Studium in Hamburg schrieb er im Zug dorthin. Auch als Lehrer in Germersheim war er tätig, wie die Laudatio erwähnte.

1984 gründete er sein Plattenlabel Schnoog, mundartlich für Schnake, „das Label, das (be-)sticht“. Gleich seine selbst produzierte LP „Dreikäsehochs & Luftiküsse“ brachte ihm den Preis der Deutschen Schallplattenkritik (Vierteljahresliste) ein.

Der Ortsrumsteher

Ortsvorsteher von Rheinau-Diersheim war er von 1989 bis 2009, geplant war das nie. Den Weg erklärt er so: „Vom Kommunismus zum Kommunalismus, nur ein kleiner Ismus.“ Zur 750-Jahr-Feier 1991 lieferte er keine Chronik, die dann ungelesen im Regal landet, sondern ein Musical: „Diersche forever“. Rund 120 Diersheimer standen auf der Bühne, jedem schrieb er die Rolle auf den Leib. Eine Pointe zum Ortsnamen: Der römische Legionär, der statt EC-Karte mit Bargeld seinen Schinken cum Salz zahlen sollte, war darüber erbost und drohte: „Ich zahl’ dir’s heim.“ „Wenn du was mit Humor machst, dann bist du immer auf der guten Seite“, sagt er.

Seit 1980 arbeitete er für den Rundfunk, zunächst beim SDR. Dort gab er den „Landfreak Fluppy“, machte Kinder- und Schulfunk und moderierte den „Treffpunkt“ SDR-TV. Mit dem Flachbildschirm sei die Karriere dann ins Wanken geraten, er habe „da nicht mehr reingepasst“.

Kritik mit leiser Klinge

Eine Schule der Spitze war für ihn die Zeitung. Als junger Konzertkritiker bei der Rheinpfalz, so erzählt er, hielt ihn sein Musikerherz davon ab, jemanden zu verreißen. Also schrieb er: „Der Feuerwehrmann hat gelangweilt in sein Taschentuch geguckt.“ Mehr braucht es nicht, findet er: „Du musst doch nicht die Keule rausholen.“

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ (Bierbaum, 1865 bis 1910)

Seit Juni 2011 schreibt er jeden Mittwoch die Kolumne „De Birsnergerd“ in der Kehler Zeitung. Anfang Oktober ging es in „Ein kleines Paradies mit fetten Blähungen“ um den Oberrhein zwischen Schwarzwald, Rhein und Elsass. Die Stoppelfelder vergleicht er mit dem „Dreitagebart eines Rasierfaulen“, und er verabschiedet sich stets mit „Alla hopp, bis dann“.

Was ihn antreibt? „Oxidationsmittel gegen Langeweile.“ Die Gegenwart sieht er mit Humor, aber nicht ohne Sorge: Es sei eine „Empörungskultur“ entstanden, viel Empathie gehe verloren. Er gehe durch Kehl und grüße jeden. „Jemanden grüßen und freundlich sein kostet nix und tut nicht weh. Für einen, der wie ich auf dem Dorf aufgewachsen ist, ist das eh selbstverständlich.“ Früher sei in der Schule noch gesungen worden, zu Beginn und am Ende. Wer das heute täte, hätte einen „intensiveren Draht zu den Mitmenschen“. Auch das Niveau der Unterhaltung sieht er hierzulande sinken. Früher waren Heinz Erhardt, Kulenkampff und Loriot die gefeierten Komiker, heute füllt Mario Barth ein Stadion mit 100.000 Fans. „Ich bin ich“, sagt er, doch das FC-Bayern-„Mir san mir“, das sei gar nicht seine Welt. Dann schon eher der SC Freiburg. Heimat ist für ihn: „Da, wo es schön ist.“

Reime, Heimat ...

Fast von Anfang an produziert und schreibt Birsner für den weltgrößten Adventskalender, das Gengenbacher Rathaus, das allabendliche Ritual zur Adventskalenderfensteröffnung. Das schreibt er meist mitten im Juli auf Menorca. Da reimt’s sich besser mit Blick auf die Hafeneinfahrt von Mahon und im Dunstkreis seiner Liebreizenden Gine. Länger als zehn bis zwölf Minuten dürfe das Ritual aber nicht werden, denn das Publikum stehe vor dem Rathaus bei Regen, Schnee und Kälte. Als die Reime für das Ritual 2026 auf 18 Minuten anwuchsen, kürzte er. Dann musste das Manuskript an die Tonaufnahme angepasst werden. Das übernahm eine KI, in zwei Minuten, das wäre für ihn sonst zwei, drei Tage Arbeit gewesen. Ganz geheuer sei ihm die KI ja nicht, aber: „Wenn es hilft, warum nicht?“

Die „Blaue Stunde“

Am Abend war es dann so weit: In der Reihe „Blaue Stunde“ des AutorenNetzwerks Ortenau-Elsass gestaltete er im Klauskirchl eine halbe Stunde, die zweite gehörte der Künstlerin Evelyn Kalina, Dr. Karin Jäckel führte ein. Gesungen hat er, darunter „Die Gedanken sind frei“. Der Autor dieser Zeilen widmete dem Lied zuvor seine Oktober-Kolumne im Ortenau Journal. Birsner und der Autor sind beide Mitglieder des AutorenNetzwerks.

Und wie geht es weiter? Im nächsten Jahr feiert er „50 Jahre auf der Bühne“. Gine, die Liebreizende, steht dann mit auf der Bühne. In Germersheim tat sie das auch. Dort hatte er das unheilvolle Schlusswort der Preisverleihung bereits gesprochen: „Der Schlussakkord war das noch nicht ...“

Wussten Sie schon? 6 Fakten zu Gerd Birsner

› Geboren am 12. Juli 1953 in Sinsheim, lebt seit knapp 5 Jahren in Kehl.

› Pamina-Kulturpreis 2026 für sein Gesamtwerk, verliehen am 2. Oktober in Germersheim, Lorely-Preis der Freunde des Summerlieds in Ohlungen/Elsass (5.7.26).

› Ortsvorsteher von Rheinau-Diersheim 1989 bis 2009, Musicals „Diersche forever“ 1991 und „Wir nehmen Sie in (Sagen-)Haft“ 1995 und für Linx 2014: „Mir mache’s mit Linx“.

› Plattenlabel Schnoog seit 1984 mit rund 100 Veröffentlichungen, Schwerpunkt Singer/Songwriter und akustische Musik, erste eigene LP „Dreikäsehochs & Luftiküsse“.

› Kolumne „De Birsnergerd“ in der Kehler Zeitung, wöchentlich seit Juni 2011.

› Schreibt das Fensteröffnungs-Ritual für den Gengenbacher Adventskalender.

Mehr über Gerd Birsner

Website www.birsner.de
Kolumne „De Birsnergerd“, jeden Mittwoch in der Kehler Zeitung
Label Schnoog, seit 1984

Kurz zusammengefasste FAQ

Wer ist Gerd Birsner?

Ein Liedermacher, Autor und Kolumnist aus Kehl, geboren 1953 in Sinsheim. Er arbeitete über Jahrzehnte für Rundfunk und Fernsehen und war von 1989 bis 2009 Ortsvorsteher von Rheinau-Diersheim.


Welchen Preis hat er im Oktober 2026 erhalten?

Am 2. Oktober bekam er in Germersheim den Pamina-Kulturpreis 2026 für sein Gesamtwerk, überreicht vom Verein Europalz Germersheim.


Was ist Schnoog?

Sein Plattenlabel, gegründet 1984. Der Name ist mundartlich für Schnake, rund 100 Veröffentlichungen sind dort erschienen.


Wo kann man ihn lesen?

Jeden Mittwoch in seiner Kolumne „De Birsnergerd“ in der Kehler Zeitung, und jedes Jahr im Advent beim Fensteröffnungs-Ritual am Gengenbacher Rathaus.


Wie geht es weiter?

Im nächsten Jahr feiert er „50 Jahre auf der Bühne“. Mehr über Gerd Birsner unter www.birsner.de.

Text: apg.

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